2026 Verhandlungsstrategie

Verhandlungen: Der wahrgenommene Spielraum entscheidet (PASF)

In jeder Verhandlung existieren zwei Ebenen gleichzeitig: was objektiv möglich ist – und was die Beteiligten für möglich halten. Der wahrgenommene Handlungsspielraum steuert Verhalten oft stärker als der reale.

Wer das Gegenüber für mächtiger hält als es ist, gibt Spielraum preis, den er gar nicht abgeben müsste. Die Erwartung, das Gegenüber könne jederzeit Schaden anrichten oder die Zusammenarbeit beenden, führt oft zu einer defensiveren Verhandlungsführung, als die reale Lage eigentlich erfordert. Und umgekehrt: Wer unterschätzt wird, verliert Spielraum – nicht weil er ihn nicht hätte, sondern weil er in der Wahrnehmung des anderen nicht existiert.

Was PASF beschreibt

Perceived Action Space Framing – kurz PASF, auf Deutsch: Gestaltung des wahrgenommenen Handlungsspielraums – ist ein Denkmodell, das genau auf dieser Ebene ansetzt. Der Begriff macht bereits deutlich, worum es geht: nicht um die Analyse des Spielraums, sondern um seine aktive Gestaltung.

Es richtet den Blick auf den psychologischen Raum, in dem Verhandlungen stattfinden: auf Erwartungen, Machtzuschreibungen, Annahmen darüber, was möglich, riskant oder folgenlos ist. PASF fragt nicht nur: Was ist objektiv möglich? Es fragt: Wie ist der Möglichkeitsraum im Kopf des Gegenübers gerahmt? Was hält es für durchsetzbar? Was traut es Ihnen zu? Welche Konsequenzen hält es für realistisch – und welche zieht es gar nicht in Betracht?

Wo PASF besonders wirksam wird: narzisstische Dynamiken

Das Prinzip zeigt sich in jeder Verhandlung. Besonders wirksam wird es jedoch dort, wo der wahrgenommene Spielraum deutlich von der Realität abweicht – und das ist in toxischen beruflichen Konstellationen häufig der Fall.

Narzisstisch geprägte Persönlichkeiten verhandeln oft genau auf dieser psychologischen Ebene. Eigene Stärke wird überhöht dargestellt, Konsequenzen werden dramatisiert, Abhängigkeiten des Gegenübers betont und dessen tatsächliche Alternativen kleiner dargestellt, als sie in Wirklichkeit sind. Dadurch verschiebt sich nicht nur die Atmosphäre der Verhandlung, sondern häufig auch die subjektive Einschätzung dessen, was überhaupt noch möglich oder durchsetzbar erscheint.

In gewisser Weise lässt sich das als eine toxische Form von PASF verstehen: Der wahrgenommene Handlungsspielraum wird aktiv zu den eigenen Gunsten verzerrt. Nicht um Klarheit zu schaffen, sondern um Kontrolle zu sichern, Unsicherheit zu erzeugen oder psychologische Überlegenheit herzustellen. Deshalb ist es für Betroffene wichtig, diese Ebene überhaupt erkennen und einordnen zu können. PASF bedeutet in diesem Zusammenhang keine Gegenmanipulation, sondern die Fähigkeit, psychologischen Handlungsspielraum bewusst wahrzunehmen und ihn auf professionelle Weise aktiv mitzugestalten, statt ihn ausschließlich den Dynamiken des Gegenübers zu überlassen.

Das Prinzip der Gestaltung

Der Kern des Modells liegt in einem einfachen, aber folgenreichen Gedanken: Nicht jede Abweichung zwischen Realität und Wahrnehmung muss korrigiert werden. Manche Fehleinschätzungen des Gegenübers sind für die eigene Position nützlich – und müssen deshalb nicht korrigiert werden. Andere schaden der eigenen Position und sollten gezielt korrigiert werden. Wieder andere lassen sich durch Sprache, Struktur und Präsenz so rahmen, dass das Gegenüber realistischer oder vorsichtiger kalkuliert.

PASF ist damit kein Modell für Bluff oder inszenierte Stärke. Es arbeitet ausschließlich innerhalb realer Spielräume – mit dem Ziel, diese nicht unnötig zu den Bedingungen des Gegenübers zu führen. Ein ruhiger Auftritt signalisiert mehr Spielraum als hektisches Rechtfertigen. Eine nüchterne Bezugnahme auf reale Alternativen verändert die Wahrnehmung von Handlungsfähigkeit oft stärker als jede offene Machtdemonstration.

Ohne innere Stabilität lässt sich dieser psychologische Raum kaum bewusst gestalten. Dann reagiert man nur noch auf Dynamiken, statt sie mit zu beeinflussen.

Alex M. August
Clearline Studies Press, 2026

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